Johann Erdmann Hummel: Das Schleifen der Granitschale & Die Granitschale im Lustgarten, 1831

1. Die Granitschale

Am 6. November 1828 erreichte die vorgefertigte Schale, aus 1420 Millionen Jahre altem rotem Karlshamn-Granit, das für sie errichtete Gebäude in Fürstenwalde. Dort befand sich eine Dampfmaschine, welche sie innerhalb von zweieinhalb Jahren fertig schliff und polierte. Diese maschinenunterstützte Bearbeitung eines Hartgesteins feierte damals auf deut­schem Boden ihre Primäre.

1831 wurde das etwa 75 Tonnen schwere, »Biedermeierweltwunder« oder liebe­voll »Berliner Suppenschüssel« genannte Stück, circa 80 Kilometer weiter, bis zu seinem Bestimmungsort, auf die Berliner Museumsinsel transportiert. Da sie nicht, wie ursprüng­lich vom Oberlandesbaurat Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) geplant, in die Rotunde des Alten Museums passte, platzierte man sie vor dessen Freitreppe in einem Halbrund des   Lustgartens.

Damals war sie die größte aus einem Stein gefertigte Schale. Sie galt als techni­sches Wunderwerk der Bearbeitung und des Transportes und wurde zu einem Kult- und einem Kulturge­stein, sowie zu einem Mythos und einem vaterländischen Symbol verklärt. Entstanden ist sie aus einem Konkur­renzkampf heraus, den der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) gegen England, wo sich zwei ähnliche Schalen befanden, focht.

 

2. Die Intention Johann Erdmann Hummels

Der Kunstprofessor, Maler und Graphiker Johann Erdmann Hummel (1769-1852) thematisier­te und reflektierte künstlerisch das damalige preußische Hauptstadtleben. Er dokumen­tierte in seinem dreiteiligen Bilderzyklus den Fokus des damaligen öf­fentlichen Interesses. Dieser wurde erstmalig unter dem Titel Granitschalen­bilder auf der Akademieausstellung 1832 präsentiert.

Das Ensemble war ein Jahr zuvor, parallel zu dem sensationellen Ereignis, entstanden. Die drei Ge­mälde waren der Zenit seiner künstlerischen Arbeit und zugleich eine Würdigung des Schaffens des verantwortlichen Steinmetzen und Baumeisters Christian Gottlieb Cantian (1794-1866).

Die Granitschalenbilder ersetzten Hummels Versuch der zwanziger Jahre einen Bildraum durch dezentralisierte Perspektive zu variieren und sie waren die Grundlage seiner Dar­stellung imaginärer Architektur von 1839.

 

3. Die Bilder

Mit seinem wissenschaftlichen Blick und seiner Faszination für die Komplexität der Kon­vex-, Konkav- und Planspiegel, hielt er in mehreren Ölgemälden und Skizzen das Schlei­fen, Wenden und Aufstellen des exquisiten Solitärs fest. Er kombinierte die Zentralperspektive mit dem Spiegeleffekt von 360 Grad, um zugleich einen einfachen Bildraum und einen mehrschichtigen Raum darzustellen. Sachlich, klar und nüchtern konstruierte er sei­ne Arbeiten mathematisch-stereometrisch so exakt, dass wirklichkeitstreue, beinahe foto­grafische Wiedergaben entstanden.

Den Spitzname »Perspektiv-Hummel« gab man ihm, da er berühmt für seine handwerkliche Genauigkeit und perspektivische Gestaltung, andere Künstler hierin unter­richtete: 1809 erhielt er einen Lehrauftrag für Perspektive, Architektur und Optik an der Berliner Akademie der Künste.

Auch in den hier behandelten Werken malte er meisterlich präzise die räumliche Dar­stellung und sämtliche Effekte glänzender Reflexion. Besonders deutlich zu erkennen ist dieses auf der Schalenunterseite, aber auch an der Oberfläche selber, mit ihren unterschiedlichen Farben. Er wählte das Format ge­mäß der Proportionen des Gegenstandes. Selber erläuterte er im Ausstellungskatalog:

 

Es wird vielleicht Einigen auffallen, dieselbe Schale in jeder der drei verschiedenen Ansichten in einer andern Farbe dargestellt zu sehen; ich mache daher darauf aufmerksam, daß die­selbe poliert ist und folglich die Farbe der Gegenstände annimmt welche sie umgeben.[1]

 

 

hummel 13.1 Das Schleifen der Granitschale

Der Betrachter schaut frontal auf die umge­drehte Granitschale. Sie befindet sich in einem oktogonalen Holzrahmen der Schleifmaschine und nimmt die Werkstatt fast komplett ein.  Da dieser den unteren Bildrand schneidet, wirkt das Dargestellte sehr nah, bald einengend auf den Betrachter. Mittig an der Decke, über der Schale, ist die Poliervorrichtung fixiert. Sie gleitet mit zwei, sich gegenüberliegenden und an die konkav-konvexe Form angepassten Armen, bearbeitend über den Granit. An einigen Stellen des eisernen Konstruktes ist Rost sichtbar.

Im Hintergrund sieht man lediglich braun verputzte Gefache und Fenster, welche von der bereits polierten Oberfläche reflektiert werden. Gut erkennt man den, durch die regelmäßigen quadratischen Fenstersprossen sichtbaren, bewölkten Himmel. Vom Bildbetrachter ausgehend etwas links der Mitte spie­gelt sich die offene Eingangstür, durch welche eine Flusslandschaft zu erkennen ist. Die farbigen Reflexionen kontrastieren den rot-schwarzen Granit.

Als einziges erzählerisches Element weist der Fluss, auf welchem die Schale später weiter transportiert wird, auf das Bevorstehende voraus.

 

hummel 23.2 Die Granitschale im Lustgarten

Der Betrachter scheint vom Alten Museum aus in Richtung des Berliner Schlosses zu blicken. Im Vordergrund ist die kolossale Granitschale im Lustgarten dargestellt. Sie liegt auf einem provisorischen Sockel unter einem blauen Himmel mit, vom linken Bildrand her, auf­ziehenden Wolken. Unter ihr befinden sich drei Steinblöcke, welche noch in die dafür vorgese­henen Vertiefungen der kreisrunden Sockelplatte eingelassen werden müssen.

Den Hintergrund beherrscht das perspektivisch verkleinerte Berliner Schloss, vor wel­chem ein kreisrunder Springbrunnen das Element des sich bewegenden Wassers, gemäß der Flusslandschaft im ersten Bild, aufnimmt. Am linken Bildrand erscheint die Front des Berli­ner Doms zwischen hohen Nadelbäumen und hinter einer Reihe noch sehr junger Kastanienbäume.

Um die Schale herum und auf den Wegen zwischen den abgesperrten, rechteckigen Rasenfel­dern, flanieren mehrere puppenhaft steife Figuren, welche sich teilweise in der Schalenun­terseite widerspiegeln. Vorne, links der Mitte, betrachtet beispielsweise ein Offizier in preußi­scher Militäruniform das Werkstück. Weiter links schaut der verantwortliche Steinmetz Cantian, mit Zylinderhut und in Gehrock gekleidet, auf das Ergebnis seiner Arbeit. Dem Betrachter gegenüber geht ein junger Mann mit einer Aktentasche unter seinem linken Arm. Am rechten Bildrand sind die beiden Söhne Hummels, Fritz und Erdmann, in jungem Alter porträtiert. Sie tragen grüne Ausgehkleidung und schauen zur Schale. Der hintere ist seinem Bruder zugewandt und deutet mit seinem rechten Arm auf das Stück. Zu ihrer Linken steht vermutlich ihre juvenile Cousine, welche dem Betrachter entgegen schaut. Die Schatten fallen fast horizontal gen linken Bildrand.Scannen0016

Hummel fängt die besondere Aura des neuen Art Heiligtums, zu welchem die Menschen pilgergleich wallfahren, ein.

 

 

4. Die Versionen

Es existiert eine zweite Version der Granitschalenbilder. Sie befindet sich heute im Stadtmu­seum Berlin jedoch ist die Aufstellung während des Zweiten Weltkrieges im Märkischen Museum ver­brannt. Die Alternativfassung des Bildes Das Schleifen der Granitschale zeigt König Fried­rich Wilhelm III. (1797-1840), Cantian und einen Arbeiter neben der Schale. Sie war vermutlich für den Baumeister persönlich bestimmt.

Die hier thematisierten Bilder entstammen der ersten Version und damit aus dem ehemaligen Be­sitz der Familie Bialon, welche Nachfahren Casper Hummels waren. Dieser Bruder Johann Erdmanns nahm mit seiner Firma an der Bearbeitung der Schale teil.

In Studien und Skizzen zu den Bildern finden sich feingliedrige Figurengruppen. Eine der Vorzeichnungen befindet sich ebenfalls in der Nationalgalerie.

 

5. Die Reaktionen

Der Kunsthistoriker Franz Theodor Kugler (1808-1858) kommentierte, es sei ein »sehr treues und vollkommen gelungenes Bild eines für bildliche Darstellung doch zu wenig ge­eigneten Gegenstandes«[2]. Die Trockenheit des Gegenstandes, die radikale Sachlichkeit und das nicht vorhandene erzählerische Moment riefen weitere Kritik hervor:

Selbst abgesehen von dem sehr relativen Interesse dieser Darstellungen, machen sie doch keine Wirkung. Wie sorgsam und richtig die Perspektive auch konstruiert, und wie treu die Spiegelung seyn mag, so macht dies immer noch kein Bild, in welchem man diese Requisi­ten als untergeordnete Bedeutung, endlich auffindet, nachdem sie zu einer Totalwirkung beigetragen haben.[3]

Schatten- und Spiegelungskonstruktionen stehen im Mittelpunkt, wobei die umgekehrte Wi­derspiegelung der Spaziergänger und Zäune in der glänzend polierten Unterseite der Scha­le sehr übertrieben erscheint. […] Der Farbton ist kühl, jedes malerische Element ist ausge­schaltet, Zirkel und Lineal sind bestimmend.[4]

Dem heutigen Betrachter gefällt der sachliche Realismus: die Stille und die Klarheit der Form[5].

Johann Erdmann Hummel war einer derjenigen, die die Voraussetzungen für den Realismus im 19. Jahrhundert schafften. Im Besonderen wird das hier behandelte Werk oft als Wegbereiter Adolph Menzels Eisenwalzwerk aus den Jahren 1872-1875 gesehen, welches die Malkultur jedoch, anders als Hummel, über die Sachlichkeit stellte.

 

 

 

 

 

Literatur:

Beeskow, Hans-Joachim: Die Berliner nannten ihn den »Perspektiv-Hummel«. Der Maler Johann Erdmann Hummel (1769-1852), in: Berlinische Monatsschrift, Heft 10 (1997), S. 64-67

von Donop, Lionel: Hummel, Johann Erdmann, in: Allgemeine Deutsche Biographie 16, Leipzig 1882, S. 387

Einholz, Sybille: Die Große Granitschale im Lustgarten. Zur Bedeutung eines Berliner Solitärs, in: Geschichts­verein Berlin (Hg.): Der Bär von Berlin. Jahrbuch des Vereins Geschichte für Berlin, Berlin/ Bonn 1997 Folge 46, S. 41-53

Hummel, Georg: Der Maler Johann Erdmann Hummel. Leben und Werk, Leipzig 1954

Ozeki, Miyuki: Die Rolle der Perspektive in der Kunst Johann Erdmann Hummels, Berlin 2002

Widerra, Rosemarie: Berliner Kunst vom Barock bis zur Gegenwart, Ausst.-Kat. Berlin o. J.

Zöller, Michael (2003): Berliner Meisterwerke. „Die Granitschale im Berliner Lustgarten“ von Johann Erdmann Hummel (1831) in der Alten Nationalgalerie, in: B.Z. (Berlin), 5.10.2003


[1]                       Zitiert nach Ozeki 2002, 75.

[2]                       Zitiert nach Ozeki 2002, 75.

[3]Spenersche Zeitung, 13. Oktober 1832.

[4]           Zitiert nach Widerra o. J., S. 16 f..

[5]        Vgl. Hummel 1954, 55.

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